Wirtschaftszyklen – warum Konjunktur nicht geradlinig verläuft
Die Gegenwart erscheint vielen als ein einziges Geflecht aus Unsicherheiten, Krisen und scheinbar nie dagewesenen Herausforderungen. Doch wer einen Schritt zurücktritt und die wirtschaftliche Entwicklung mit historischem Weitblick betrachtet, erkennt: Wandel, Rückschläge und Erneuerung sind keine Ausnahmen – sie sind die Regel. Wirtschaftszyklen, also die regelmäßigen Auf- und Abschwünge in der Wirtschaft, ziehen sich wie ein roter Faden durch unsere Geschichte. Sie zu verstehen, bedeutet nicht nur, die bisherigen Entwicklungen besser verstehen und einordnen zu können, sondern auch, mit mehr Klarheit und Gelassenheit in die Zukunft zu blicken. Warum genau dieses Wissen heute wichtiger ist denn je, zeigt folgender Beitrag.
Grundsätzlich begleiten Zyklen die Menschheit schon seit den jüngsten Jahren ihres Bestehens auf diesem Planeten. Diese wiederkehrenden Ereignisse fokussieren sich allerdings nicht explizit auf den Menschen, sondern liegen viel allgemeiner in der physikalischen Natur der Dinge oder gar „des Seins“, wenn man es sehr philosophisch umschreiben möchte. Grundsätzlich ist der Mensch, genauso wie alle anderen Lebewesen auch, dieser „natürlichen Ordnung“ bis zu einem gewissen Grad nahezu machtlos ausgeliefert. So ist alles um uns herum, sei es unser Leben, die Erde oder gar das uns umgebende Universum bestimmten Abläufen unterworfen, die sich nicht verändern oder gänzlich revidieren lassen. Zyklen bestimmen von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet nahezu unser ganzes Leben und geben zusätzlich auch noch eine tatsächlich kaum veränderbare Grundrichtung vor. Von der Geburt, über die Jugend zum Erwachsenenalter bis hin zum Ende des Lebenszyklus mit dem Tod erfolgt nahezu alles einem fast schon in sich geschlossen wirkenden Muster, welches sich nicht verändern lässt. So sehr man das potenziell auch möchte!
Eines der besten Beispiele für die Unabdingbarkeit gewisser wiederkehrender Zyklen führt uns die Natur jedes Jahr aufs Neue mit ihren sich voneinander unterscheidenden Jahreszeiten vor Augen. Nach der kalten Jahreszeit folgt der Frühling. Im darauffolgenden Sommer wird der Höhepunkt erreicht, ehe sich im Herbst die Natur bereits wieder auf den nahenden Winter vorbereitet. Danach beginnt der gerade beschriebene Zyklus wieder von Neuem zu laufen. So ist es bisher immer gewesen und so wird es aller Voraussicht nach auch noch für geraume Zeit bleiben. Ein besseres Verständnis dieser de facto feststehenden und unveränderlichen „natürlichen Ordnung“ ermöglicht es uns Menschen auf einfache und intuitive Art und Weise, die Dinge aus einem erweiterten Blickwinkel zu sehen bzw. ganzheitlicher und umfänglicher zu betrachten. Der gerade beschriebene konstante Wechsel von sich abwechselnden und wiederholenden „Boom-and-Bustzyklen“ lässt sich auf viele weitere Themenbereiche unseres Lebens skalieren. So verläuft zum Beispiel auch unsere Wirtschaft, ganz ähnlich wie der natürliche Wechsel der Jahreszeiten in bestimmten zyklischen Phasen. Davon ausgehend lässt sich bereits sehr vieles über die Entwicklung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Erfahrung bringen, da der Verlauf und die Entwicklung der Konjunktur einem gewissen Ablauf folgen.
Der Konjunkturzyklus
Bei Betrachtung des Konjunkturzyklus gibt es auch eine Phase des Aufschwungs („Expansion“) ehe die „Rezession“ den Abschwung hin zu einer regelrechten „Depression“ einleitet, auf die wieder eine abermalige Phase des Aufschwungs folgt. Wie lange dabei die einzelnen Phasen des Auf- und Abschwungs tatsächlich anhalten, ist jeweils an die Rahmenbedingungen im Einzelfall geknüpft. Eine einfache Faustregel gibt es dafür allerdings dennoch. Dehnt sich beispielsweise die Phase des Aufschwungs zeitlich weit aus, so verläuft die Phase des Abschwungs in aller Regel auch über einen längeren Zeithorizont.
Wie sich an dieser einfach zu verstehenden und mehr als nur nachvollziehbaren Abfolge zeigt, muss man wahrhaftig kein promovierter Wirtschaftswissenschaftler sein, um dabei ein sich wiederholendes Schema zu erkennen. Die gerade beschriebene Vorgangsweise über den Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung ist folglich auch kein großes Geheimnis, da bereits viele Zivilisationen vor unserer Zeit diese Erkenntnis machten oder es auf schmerzliche Art und Weise feststellen mussten. Umso erstaunlicher ist unter diesem Aspekt betrachtet auch die Tatsache, dass wir von sich verändernden Rahmenbedingungen immer wieder aufs Neue übermannt werden. Das wird insbesondere zu Zeitpunkten eines anfänglich beginnenden wirtschaftlichen Ab-schwungs („Rezession“) sichtbar, welchen sich oftmals selbst öffentlich anerkannte Experten nicht so ganz abschätzen und sogar erklären können. Möglicherweise ist der Mensch vielleicht gar nicht so sehr in der Lage dazu, aus den gemachten Fehlern zu lernen oder zumindest aus den bereits gemachten Erfahrungen die richtigen Schlüsse zu ziehen, obwohl wir davon stets ausgehen, das zu können. Es wirkt gelegentlich fast so als ob wir Menschen in gewissen Situationen buchstäblich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen könnten.
Die Bedeutung des Geldsystems
Ähnlich wie bei der Konjunktur sehen wir auch bei der Entwicklung des Geldes ein gewisses zyklisches Fortschreiten, wobei diese beiden Zyklen nicht getrennt voneinander, sondern vielmehr in Verbindung gesetzt gesehen werden sollten. Dieses Voranschreiten folgt dabei dem stetig gleichen Modell, nahezu gleichgültig, ob wir dabei tausende Jahre in die Vergangenheit oder in die Neuzeit blicken. Bereits im Altertum, zu den Blütezeiten der griechischen oder auch römischen Hochkulturen, folgt die Entwicklung des Geldes nämlich einem dementsprechenden sich immer aufs Neue wiederholenden Muster. Dabei herrscht in einem allgemeinen Rückblick der Menschheitsgeschichte anfangs stets ein stabiles und in der Regel wertgedecktes Geldsystem (wie z.B. durch den bekannten „Goldstandard“) vor, welches sukzessive mehr und mehr an Wert, aber auch an Vertrauen der Menschen verliert.
Der „Goldstandard“ beschreibt grundsätzlich ein altbewährtes Währungsmodell, bei dem die Währung durch Gold gedeckt ist. Die Geldmenge ist dabei faktisch durch das tatsächlich vorhandene Gold begrenzt. Durch die Deckelung an den realen Wert von Gold wird eine gewisse Wertstabilität garantiert. Dieses Modell war im späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anerkannter Standard, ehe auch dieses Währungssystem allmählich aufgeweicht wurde („Bretton-Woods-Ära“) und schließlich 1971/1973 endgültig aufgegeben wurde. Seitdem erleben wir einen nicht zu unterschätzenden realen Wertverlust, wie uns auch der folgende Chart des Kaufkraftverlustes des US-Dollars seit 1971 bis heute eindrucksvoll vor Augen führt. Eine solche Entwicklung ist allerdings nicht neu. So kam es nämlich bereits im „Alten Rom“ durch eine fortlaufende Münzverschlechterung (Einsatz von billigeren Metallen bei der Ausgabe neuer Münzen) zu einem etappenweisen Wertverlust der Währung.
Besonders erwähnenswert ist an dieser Stelle anzuführen, dass ein stabiles Geldsystem auch eine ganz elementare Aufgabe für das gesellschaftliche Miteinander erfüllt. Wenn man so will, legt eine gedeckte Währung überhaupt erst ein solides Fundament für eine funktionierende Gesellschaft, da die Menschen Vertrauen in das vorherrschende System haben. Beginnt nämlich das Vertrauen in das Geld- bzw. Währungssystem zu bröckeln, so ist damit in den meisten Fällen auch ein Bröckeln in den Grundfesten des gesamten Systems verbunden. Dadurch sind im Laufe der Zeit ganze Hochkulturen, Imperien und Reiche an der Entwertung des Geldes langsam, letztlich aber doch zu Grunde gegangen. Mit Blick auf den momentanen geopolitischen Ist-Zustand und dessen fortlaufender Entwicklung könnten demnach die Vereinigten Staaten von Amerika langsam aber doch ihrem Ende als alleinige Hegemonialmacht der Welt zusteuern. Das liegt einerseits daran, dass sich auf dem globalen Schachbrett eine neue aufstrebende und vor allem hungrige „Macht“ (= die Volksrepublik China) erhebt und andererseits an der Tatsache, dass die bisher federführend dominierende „Macht“ (= die Vereinigten Staaten von Amerika) mittlerweile von einer relativen Trägheit und Übersättigung geprägt ist.
Die grundsätzlichen Beweggründe für den sukzessiven Wertverlust eines Geldsystems liegen in der geschichtlichen Nachbetrachtung grob zusammenfassend in schlechter und/oder über-schreitender Machtausübung, Korruption, überschießenden Ausgaben zur Finanzierung von Kriegen und anderen kostspieligen Angelegenheiten, Pandemien oder aber auch Rezessionen. Zur Abfederung der daraus geschuldeten Missstände und ökonomischen Probleme wird durch die Ausgabe neuen Geldes fast schon zwangsläufig das vorherrschende Währungssystem immer weiter aufgeweicht und ausgehöhlt. Diese Verwässerung des Geldsystems bzw. die damit verbundene fortschreitende Inflation führt unumgänglich auch zu einer immer größer werdenden Ungleichheit zwischen einer kleinen herrschenden Elite und der breiten Masse der Bevölkerung. Die vorhandenen Vermögenswerte konzentrieren sich dabei, geschichtlich nachweisbar, in immer wenigeren Händen. Ganz ähnlich und vergleichbar, wie wir es auch in den heutigen Zeiten sehen.
Die vorab beschriebene Entwicklung eines sukzessiven Auseinanderklaffens zwischen Arm und Reich liegt in erster Linie daran, dass sich die Erhöhung der Geldmenge in der Regel nicht gleichmäßig, sondern in unterschiedlichen Stufen und Intensitäten auf die unterschiedlichen Bereiche einer Volkswirtschaft verteilt. Einige Bereiche ziehen daraus sofort einen Nutzen, während viele andere erst später oder überhaupt nicht mehr davon profitieren. Grundsätzlich lässt sich hierbei festhalten, je näher man sich am Monopol der Geldschöpfung befindet, desto mehr profitiert man auch davon. Diese auch als „Cantillon Effekt“ (benannt nach dem zu Beginn des 18. Jahrhunderts lebenden irisch-französischen Ökonomen Richard Cantillon) beschriebene Dynamik führt schließlich zu einem weiteren Aufklaffen der Schere zwischen Arm und Reich. Die voranschreitende ungleiche Vermögensverteilung birgt logischerweise auch ein gehöriges Potenzial sozialer Sprengkraft in sich. Zur Verhinderung daraus resultierender Unruhen oder gar einer Revolution auf Grund der sozialen Deprivation breiter Bevölkerungsteile wurden in der Vergangenheit regelmäßig die Sozial- und Wohlfahrtsprogramme (Stichwort: „Brot und Spiele“ wie uns aus der Zeit des „Alten Roms“ geläufig ist) überproportional ausgeweitet, um von den eigentlichen Problemen abzulenken.
Wie auch der Rückblick in die Geschichte vor Augen führt, löst dieses Vorgehen verständlicherweise die eigentlichen Probleme nicht, sondern zögert einen nicht aufhaltsamen Abwärtstrend nur künstlich in die Länge und verschlimmert die Situation sogar noch. Denn die stetig steigenden Sozialausgaben werden schließlich durch eine immer höhere Steuerlast für die stetig abnehmende erwerbstätige Gesellschaft gegenfinanziert. Ein solches politisches Vorgehen ist jedoch einfach nachvollziehbar, da sämtliche Machthaber und Entscheidungsträger ihre Möglichkeit der Machtausübung und privilegierte Positionen nicht freiwillig aufgeben und einbüßen wollen. Es wird also mit aller Macht versucht, am Status-quo festzuhalten bzw. diesen über einen möglichst langen Zeitraum zu erhalten. Nichtsdestotrotz ist es in dieser Phase bereits absehbar und erkennbar, dass dieses Vorgehen mit einem Ablaufdatum befristet ist und nicht ewig weiter ausgereizt werden kann. Wenn wir uns nun an die grundsätzliche Vorgehensweise von Zyklen zurückerinnern, so lassen sich bestimmte Entwicklungen, wie beispielsweise die Phase eines Abschwungs nach jedem Aufschwung auf längere Sicht einfach nicht aufhalten. Dementsprechend überschreitet nach dieser Prämisse ein jedes Geld- und Währungssystem durch den konstant stattfindenden Wertverlust früher oder später seinen Zenit und wird im Endeffekt wieder durch ein neues stabiles und wertgedecktes Geld- und Währungssystem ersetzt. Zumindest ist es bisher in der Menschheitsgeschichte stets der Fall gewesen. Denken wir diesen Kreislauf weiter, kommen wir zu dem (leider) relativ ernüchternden Schluss, dass auch dieses neue Geld- und Währungssystem zwangsläufig dem Schicksal seines Vorgängers folgt und der gerade beschriebene Zyklus wieder von vorne beginnt.
Conclusio
Wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen verlaufen selten linear – vielmehr folgen sie wiederkehrenden Mustern, die sich historisch immer wieder beobachten lassen. Ein tieferes Verständnis dieser Zyklen ermöglicht es, aktuelle Entwicklungen besser einzuordnen und langfristige Zusammenhänge zu erkennen. Gerade in Zeiten großer Unsicherheit kann dieses Wissen dabei helfen, Ereignisse sachlich zu bewerten, übertriebene Reaktionen zu vermeiden und strategisch fundierte Entscheidungen zu treffen. Die Geschichte zeigt: Auch schwierige Phasen sind Teil eines größeren Prozesses – nicht Ausdruck eines endgültigen Niedergangs. Wer die Dynamik wirtschaftlicher Zyklen versteht, gewinnt nicht nur an Perspektive, sondern auch an Handlungsspielraum. So wird deutlich: Wandel ist kein Ausnahmezustand, sondern ein fester Bestandteil jeder stabilen Ordnung – und oft der Ausgangspunkt für Erneuerung.